22.05.2026 - München
Bayern hatte sich beim Klimaschutz viel vorgenommen. Jetzt rudert die Staatsregierung zurück und gibt ihr früheres Ziel der Klimaneutralität bis 2040 auf, obwohl Wissen, Technologien und Lösungen längst vorhanden sind. „Die Aufweichung der Klimaziele wird hauptsächlich mit wirtschaftlichen Zwängen begründet. Doch man beachtet dabei nicht die Klimafolgekosten, die wir unseren nachfolgenden Generationen aufbürden“, kritisiert Kammerpräsident Prof. Dr. Norbert Gebbeken in der aktuellen Kolumne in der Bayerischen Staatszeitung.
Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2021 zur Klimapolitik in Deutschland, entschied die Bundesregierung, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Das Gericht hatte befunden, das bestehende Klimaschutzgesetz reiche nicht, um die Rechte junger Menschen zu schützen. Die bayerische Staatsregierung verkündete daraufhin, dass Bayern bereits 2040 klimaneutral werden wolle.
Ministerpräsident Dr. Markus Söder schrieb: "Bayern ist aufgrund seiner geografischen Lage schon heute vom Klimawandel und seinen Folgen stark betroffen. … Diese Entwicklungen führen uns deutlich vor Augen: Bayern befindet sich im Klimastress. Würde es in den nächsten 20 Jahren so weitergehen wie bisher, käme es zu einer weiteren Erwärmung um zusätzliche zwei Grad. … Dies bedeutet im Klartext: wir stehen global an der Schwelle epochaler Veränderungen. Entweder verstehen wir dies und handeln entsprechend, oder wir werden langfristig mit Folgen konfrontiert sein, die die schon bekannten Auswirkungen um ein Vielfaches übersteigen und verschärfen werden.“
Die bayerische Bauwirtschaft erkannte ihre Verantwortung und entschied sich für die Unterstützung der bayerischen Staatsregierung.
Unter der Moderation der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau wurde die Initiative „Sustainable Bavaria“ ins Leben gerufen, zur beschleunigten digitalen und ökologischen Transformation der bayerischen Bauwirtschaft. Man erkannte, dass die Transformation auch wirtschaftliche Chancen bietet und die bayerische Bauwirtschaft diesbezüglich eine Marktführerschaft in Deutschland einnehmen könne.
Bayerische Bauunternehmen zeigen, wie man sich unabhängig von fossilen Energieträgern macht durch die Nutzung von Wind, Sonne, Geothermie und Speichern, letztere zum Teil selbst entwickelt. Planende und Ausführende zeigen, wie man Resilienz ganz praktisch herstellt. Alles Wissen ist vorhanden, aber es mangelt vor allem im öffentlichen Sektor an der Umsetzung.
Nun die Rolle rückwärts. Am 28. April verkündet die bayerische Staatsregierung, sich dem Klimaziel des Bundes anzuschließen; der Klimaneutralität bis 2045. Nun fragt sich der Kolumnist, warum man sich 2021 in Bayern für einen Alleingang entschieden hat. War es ernsthaftes Wollen oder ein PR-Gag?
Ein Teil derjenigen, die die ökologische Transformation in Bayern vorantreiben, sind frustriert. Ein anderer Teil sagt, wir machen weiter, weil nur mit der schnellen Transformation unsere Zukunft gesichert werden kann, gesellschaftlich wie wirtschaftlich.
Die Aufweichung der Klimaziele wird
hauptsächlich mit wirtschaftlichen
Zwängen begründet. Doch man beachtet
dabei nicht die Klimafolgekosten.
die wir unseren nachfolgenden
Generationen aufbürden.
Studien zum wirtschaftlichen Schaden pro Tonne CO2 deuten darauf hin, dass marginale Kosten bei niedrigen Temperaturänderungen einige Euro bis wenige Dutzend Euro pro Tonne CO2 liegen könnten; 0,1 °C Erwärmung global entspricht grob mehreren zehn bis hunderten Gigatonnen CO2-Äquivalenten über langfristige Zeithorizonte, sodass die Gesamtkosten in die Hunderte Milliarden bis Billionen Euro global gehen könnten.
Dazu kommt, dass bis zu einer Milliarde Menschen nicht mehr in ihren angestammten Lebensräumen leben könnten, was zu einer gigantischen Völkerwanderung führt. In Bayern sehen wir bereits heute die Auswirkungen auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Weinbau, Obstbau, Grundwasser, Trinkwasser, Bodennutzung etc.
Das Denken in Legislaturperioden ist unverantwortlich. Man macht, wie in den Jahrzehnten zuvor, eine Versäumnispolitik. Dabei sind wir unserer bayerischen Verfassung verpflichtet. Im Artikel 3, Satz 2 steht: „Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen und die kulturelle Überlieferung.“
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau vereint die Expertinnen und Experten, die die digitale und ökologische Transformation der gebauten Umwelt in Bayern gestalten, zum Wohle der Gesellschaft in Stadt und Land und zum Wohle von Klima, natürlichen Lebensgrundlagen und nachfolgenden Generationen.
Kolumne von Prof. Dr. Norbert Gebbeken, Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, veröffentlicht in der Bayerischen Staatszeitung vom 22.05.2026
Kolumne zum Download
Foto: Tobias Hase
Die Bayerische Ingenieurekammer veröffentlicht einmal im Monat eine Kolumne zu aktuellen Themen in der Bayerischen Staatszeitung. Hier nehmen die Mitglieder des Vorstands der Kammer Stellung zu Themen aus Bauwesen, Politik und Gesellschaft.
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