14.07.2026 - Regensburg
Um Familie und Beruf in Einklang zu bringen, braucht es viel Abstimmung im Privaten, findet Maike Reuther, Tragwerksplanerin aus Regensburg. Ihre Erfahrung: Wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden bei der Arbeitszeitgestaltung entgegenkommen, ist das ein klarer Gewinn für beide Seiten. Beruflich bevorzugt sie gemischte Teams, aber einen Austausch rein unter Frauen, wie ihn das Netzwerk ingenieurinnen@bayika ermöglicht, schätzt sie sehr. Maike Reuther ist die achte Gesprächspartnerin unserer Interviewreihe mit Frauen im Ingenieurwesen.
Frau Reuther, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview mit uns nehmen. Erzählen Sie uns doch bitte kurz, was Ihr aktuelles Tätigkeitsfeld ist und warum Sie sich entschieden haben, Bauingenieurin zu werden.
Ich habe mich schon immer für Gebäude interessiert. Als Kind wollte ich lange Architektin werden. Als es darum ging, einen Beruf zu finden, habe ich beim Lesen des Studienführers verstanden, dass das, was mich eigentlich interessiert, nicht Architektur ist, sondern Bauingenieurwesen. Zu verstehen, wie Gebäude funktionieren, hat mich mehr gereizt als das gestalterische Entwerfen.
Mittlerweile arbeite ich als Tragwerksplanerin bei Tragraum Ingenieure PartmbB. Meine Tätigkeit ist dabei von vielfältigen Projekten aus fast allen statischen Disziplinen geprägt. Dabei gehören das Erstellen und Prüfen von Standsicherheitsnachweisen, Besprechungen und Baustellentermine zu meinem Alltag.
Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren Berufswunsch reagiert?
Das ist unterschiedlich gewesen, aber alle, die mich kennen, haben es eigentlich nicht hinterfragt. Nur meine Großeltern haben es nicht verstanden. Wenn es verwunderte Nachfragen gab, dann eher aus der älteren Generation.
Warum waren Ihre Großeltern denn verwundert?
Ich denke, meine Großeltern konnten sich grundlegend nicht vorstellen, dass Frauen im Bereich Bauwesen tätig sind. Da war der Unterschied, wie sich die Welt zwischen den Generationen entwickelt hat, einfach zu groß.
Was gefällt Ihnen an Ihrem Job und was würden Sie sich anders wünschen? Wann sind Sie mit einem Arbeitstag rundum zufrieden?
Ich liebe es, dass in der Regel am Ende etwas geschaffen wurde. Ein haptisches Ergebnis, das man sieht. Im Idealfall haben wir ein Gebäude geplant, das für die Nutzer eine qualitativ hochwertige Umgebung schafft. Auch als Tragwerksplaner haben wir die Aufgabe, den Entwurf zu unterstützen und Lösungen für den Lastabtrag zu suchen. Ein kniffliges Problem zu lösen, über das man lange nachgedacht hat, macht einfach zufrieden.
Aber auch das Zwischenmenschliche ist wichtig. Es ist auch einfach schön, wenn man ein Projekt mit einem verantwortungsbewussten Planungsteam zusammen bearbeitet.
Fänden Sie es gut, mehr Kolleginnen im Team zu haben oder sind Sie gerne die „Henne im Korb“?
Nein, ich bin nicht gerne die „Henne im Korb“. Ich finde durchmischte Teams super und auch wichtig. Bis heute erziehen wir unsere Kinder mit geschlechtertypischen Klischees. Sicher geben sich immer mehr Eltern Mühe, weniger davon einzubauen, aber noch immer sind Jungs die Wilden, die müssen halt mal die Sau rauslassen, und Mädchen sind brav, müssen zurückhaltend sein, fallen ansonsten unangenehm auf.
Das gleiche Verhalten wird aufgrund des Geschlechts anders bewertet und fällt natürlich bei einem Einzelnen viel mehr auf. Dabei gibt es bei beiden Geschlechtern ein breites Spektrum unterschiedlicher Menschen. Und in durchmischten Teams kann jeder einzelne mehr Mut finden, sich einzubringen.
Was sind, beruflich gesehen, Ihre Ziele für die Zukunft?
Das ist eine superspannende Frage, die ich mir gerade selbst stelle. Als Tragwerksplanerin möchte ich vielseitig aufgestellt sein und so immer besser im Finden von guten Lösungen werden.
Aber neben der Frage, ob und wohin ich mich vielleicht weiter spezialisieren möchte, die gerade definitiv eine offene Fragestellung ist, gibt es auch meine Familie, einen Alltag mit zwei kleinen Kindern, die ihre Eltern noch für vieles brauchen. Neben dem, was ich möchte, ist also auch immer die Frage, wie die Familie das verträgt und organisiert bekommt. Für Inspiration bin ich offen.
Sie haben sich früh im Frauennetzwerk der Bayerischen
Ingenieurekammer-Bau engagiert. Welchen Mehrwert ziehen Sie aus dem Netzwerk?
Für mich ist es ein Mehrwert, dass Frauen eine Austauschmöglichkeit untereinander bekommen. Im Bauingenieursstudium gibt es mittlerweile viele Frauen. Aber nach dem Studium verteilten sie sich schnell auf eine große Branche.
Zusätzlich gibt es in den Unternehmen oft noch keine gewachsene, geschlechtergemischte Struktur im technischen Bereich. Und noch immer fangen viele Frauen, wenn sie Kinder bekommen, nur mit wenigen Stunden wieder das Arbeiten an. In vielen Büros ist man als Frau bis heute deutlich in der Minderheit. Hier eine Plattform zu haben, die Austausch, Vorbilder und Inspiration bietet, finde ich wichtig.
Auch hoffe ich, dass Leistungen und Expertise von Frauen dadurch mehr Sichtbarkeit bekommen und zu einem Normal in der Bauwelt werden.
Gibt es Angebote, die das Netzwerk Ihrer Ansicht nach noch ergänzen sollte?
Wie schon bei der Auftaktveranstaltung oft angesprochen ist der Wunsch nach Austausch groß. Hier Termine anzubieten, ist ein Angebot, dass ich gerne annehmen würde.
Sie haben zwei jüngere Kinder. Wie hat sich Ihr
beruflicher Alltag verändert, seit Sie Mama geworden sind?
Das Offensichtliche ist natürlich, dass ich seitdem Teilzeit arbeite. Mein Feierabend ist durch das Ende der Buchungszeit der Kinderbetreuung definiert. Seitdem ich Kinder habe, bin ich viel öfter gezwungen, den Stift fallen zu lassen und mich auf den Weg zum Kindergarten zu machen.
Natürlich gibt es eine abgestimmte Arbeitszeit mit meinem Arbeitgeber. Wo es möglich ist, versuche ich auch Termine in die Zeit zu legen, in der die Kinderbetreuung sichergestellt ist. Aber das ist nicht immer bei jedem Termin möglich. Und dann wandert der berufliche Alltag in die Familie. Kann mein Partner die Kinder bringen oder abholen? Können Freunde die Kinder mitnehmen? Oder auch die Frage, ob man abends noch etwas fertig machen kann. In Summe ist also viel mehr innerfamiliäre Abstimmung nötig als früher.
Mir ist wichtig hier zu ergänzen, dass ich gerne Projektverantwortung habe und dass es für mich an der Stelle auch dazu gehört, mich selbst darum zu kümmern.
Haben Sie das Gefühl, im beruflichen Kontext anders
wahrgenommen zu werden, seit Sie Familie haben?
Die Frage ist für mich schwierig zu beantworten. Ich bin doch sehr kurz nach dem Ende des Studiums das erste Mal Mama geworden. Nach der Elternzeit von meinem ersten Kind habe ich auch den Arbeitgeber gewechselt. Einen direkten Vergleich habe ich also nicht.
Ich gehe, wo nötig, transparent damit um, dass ich Teilzeit arbeite und mein „Feierabend“ eigentlich ein gesetzter Folgetermin ist. Bisher habe ich damit gute Erfahrungen gemacht.
Was kann ein Arbeitgeber tun, um Mütter und Väter zu unterstützen?
Die wesentlichen Punkte, die Arbeitgeber machen können, um Eltern zu unterstützen, ist das Ermöglichen von Teilzeitarbeit und dass Eltern während der Schließtage der Kinderbetreuungseinrichtungen bei Urlaub bevorzugt werden. Mir hilft es sehr, mit meinem Arbeitgeber im Austausch zu bleiben. Was funktioniert gerade, wo muss ich die Arbeitszeit umstellen, weil sich ein Kurs beim Kind verschoben hat. Wie sind die Projekte in der Terminschiene? Dabei ist sicher essenziell, dass wir uns gegenseitig vertrauen. Freiheiten, die ich in der Gestaltung meiner Arbeitszeit bekomme, bekommt mein Arbeitgeber dadurch zurück, dass wir als Familie auch versuchen, wo nötig, Termine außerhalb der abgestimmten Arbeitszeit zu realisieren oder Arbeitszeit zu schaffen, um Termine zu halten. So ist für mich auch mit einer Teilzeitstelle Projektverantwortung möglich.
Das ist sicher kein Patent-Rezept. Aber sich über die jeweiligen Interessen abzustimmen und einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist sicher in vielen Bereichen hilfreich.
Frau Reuther, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!
Sehr gerne.
Fotos: Tobias Hase, Tragraum Ingenieure PartmbB, privat
Das Netzwerk "ingenieurinnen@bayika" ist ein Zusammenschluss der in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau organisierten Frauen. Ziel des BayIka-Frauennetzwerkes ist es, den fachlichen und persönlichen Austausch zu stärken und die Frauen in den Bauberufen nachhaltig sichtbar zu machen. Um dies zu erreichen, interviewen wir Frauen aus dem Bauwesen und laden regelmäßig zu Veranstaltungen in die verschiedenen Regionen Bayerns ein. Die Kick-Off-Veranstaltung zur Gründung des Netzwerks ingenieurinnen@bayika.de fand am Donnerstag, den 5. Februar 2025 in München statt.
Blickt man auf die Zahlen der Studienanfänger:innen, so ist das Geschlechterverhältnis in den Bau-Studiengängen inzwischen relativ gleich verteilt. Doch von 50:50 im Studium ist nach einigen Jahren Berufsleben nicht mehr viel übrig. Der Frauenanteil sinkt über die Jahre und gerade in den Führungspositionen sind Frauen eher die Ausnahme. Woran liegt das und wie lässt es sich ändern? Im Workshop "Change Management" hinterfragen wir mögliche Ursachen und erarbeiten in Kleingruppen Wege, wie sich bestehende Hürden überwinden lassen und wir zu nachhaltigen, strukturellen Veränderungen kommen.
Die gebaute Umwelt gestalten, diese Vorstellung reizte Nina Jelínek bereits als Schülerin. Die junge Ingenieurin achtet bei den von ihr geplanten Bauwerken darauf, dass sie Sicherheit, Teilhabe und Lebensqualität von Menschen miteinander verbinden. Sie ist außerdem überzeugte Netzwerkerin.
Anita Reichl-Lachmann ist eine von bundesweit nur fünf weiblichen Prüfsachverständigen im konstruktiven Ingenieurbau im Eisenbahnbereich. Sie absolvierte vor ihrem Studium eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Anschließend ging sie im gleichen Büro den Weg von der Werksstudentin zur geschäftsführenden Gesellschafterin.
Mehr als 70 Ingenieurinnen waren Anfang Februar zur Gründungsveranstaltung des neuen Frauennetzwerks „ingenieurinnen@bayika“ der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau gekommen. Im Interview spricht die Bundesingenieurkammer mit Stephanie Sierig, Bauingenieurin und Vorsitzende des Ausschusses Leben | Arbeit | Karriere der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. In diesem Ausschuss ist die Idee zur Gründung des Frauennetzwerks entstanden.
Hertha Ulm ist das älteste weibliche Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Kammer seit ihrer Gründung verbunden. Sie war eine von drei weiblichen Mitgliedern der ersten Vertreterversammlung. Eine starke berufsständische Vertretung ist für sie elementar. Berufspolitische Arbeit ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, doch steter Tropfen höhlt den Stein, findet sie. Hertha Ulm führte viele Jahre lang ein Büro für Tragwerksplanung in Erlangen und ist auch mit Ende 80 noch zwei Tage die Woche im Büro.
Wie bei so vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren wurde auch bei Ulrike Steinbach das Interesse am Bauen schon in Kindertagen geweckt. Ihre Vorbilder waren Mutter und Opa, die ein Architekturbüro betrieben. Steinbach ist inzwischen seit vielen Jahren neben ihrem Hauptjob auch in den Gremien der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und auf Verbandsebene aktiv. Sie ist Mitglied im Arbeitskreis Gleichstellung und gehört der Vertreterversammlung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau an.
Gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse, findet Angelika Rudloff. Passenderweise leitet sie den Arbeitskreis Gleichstellung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und teilt sich den Vorsitz mit Paul Haider. Sie wünscht sich einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen, sieht aber in gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mehrere Hemmnisse. " Positiv sehe ich, dass die Kammer offen ist für eine stärkere Beteiligung von Frauen – sowohl in der Vertreterversammlung als auch im Vorstand. Aber angesichts der niedrigen Gesamtzahlen an Bauingenieurinnen und der geringeren Besetzung von Führungspositionen bleibt dieses Ziel eine große Herausforderung", sagt Rudloff.
"Das schaffst du nicht!" – sagte einst ein Bekannter zu Vesela Krasteva-Stoltmann, als sie ihm erzählte, dass sie Bauingenieurwesen studieren wolle. "Jetzt erst recht!", war ihre Reaktion. Und inzwischen steht sie in diesem Beruf erfolgreich ihre Frau. Beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Deggendorf am 2. Juli 2025 erzählte sie von ihrem Werdegang. Lesen Sie hier das Interview mit Vesela Krasteva-Stoltmann.
Mehr Pippi Langstrumpf wagen – mit diesem Appell sprach sich Anneliese Hagl Mitte Februar beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Nürnberg für mehr Frauen in der Baubranche und in Führungspositionen aus. Zum Auftakt unserer Interviewserie mit Frauen im Ingenieurwesen haben wir mit der Glasbauexpertin gesprochen.
Die Baubranche befindet sich im Wandel, auch hinsichtlich der Struktur der am Bau Beteiligten. War die Baubranche bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem eine Männerdomäne, ergreifen heute immer mehr Frauen ein Ingenieurstudium und streben nach verantwortungsvollen Positionen oder eröffnen ein eigenes Büro. Der Ausschuss „Leben | Arbeit | Karriere“ hatte am 13.02.2025 unter dem Motto "Bauingenieurin: Gestern, heute, morgen“ zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aller Disziplinen zum Regionalforum nach Nürnberg eingeladen. Lesen Sie hier unseren kurzen Rückblick und sehen sich die Fotos an!
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