08.09.2026 - Berlin
„Die deutsche Normensetzung braucht ein Update und nicht immer mehr neue Seiten“, sagt Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, der Präsident der Bundesingenieurkammer. In seinem Kommentar kritisiert er, dass immer umfangreichere Regelwerke das Bauen verteuern, Innovationen erschweren und unabhängige Planerinnen und Planer in den Normungsgremien zu wenig vertreten sind. Was wir jetzt brauchen, ist eine praxistaugliche Normsetzung, die sich stärker am Gemeinwohl orientiert.
Ein Kommentar von Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Bundesingenieurkammer
Die deutsche Normensetzung braucht ein Update und nicht immer mehr neue Seiten. Bezahlbares Bauen scheitert längst nicht mehr nur an langen Genehmigungsverfahren oder steigenden Materialpreisen. Ein wesentlicher Kostentreiber sitzt tiefer - im System der Regelwerke selbst. Während Politik und Bauwirtschaft über Bürokratieabbau diskutieren, wächst das technische Regelwerk Jahr für Jahr weiter. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht allein die Anzahl der Normen, sondern auch der Weg, wie sie entstehen.
Normen sollen den aktuellen Stand der Technik abbilden und Planung und Ausführung erleichtern. Tatsächlich entwickeln sie sich zunehmend zu einem Selbstzweck. Wer heute in den DIN-Gremien den Ton angibt, sind häufig Akteure mit wirtschaftlichen Eigeninteressen. Hersteller sind nachvollziehbar daran interessiert, ihre Produkte zum Standard zu machen. Die Ingenieurinnen und Ingenieure hingegen, die diese Regelwerke täglich anwenden und später für ihre Einhaltung haften, sind in den Gremien oft unterrepräsentiert. Die Mitarbeit in den Gremienflut kostet Zeit und Geld - Ressourcen, die insbesondere kleine und mittlere Planungsbüros kaum aufbringen können.
Das Ergebnis ist ein System, das immer komplexere Normen hervorbringt, ohne sich ernsthaft zu fragen, ob diese Komplexität dem Bauen tatsächlich dient. Mehr Seiten Regelwerk bedeuten eben nicht automatisch mehr Sicherheit, im Gegenteil, sie werden für Ingenieurin und Ingenieur durch ihren extremen Umfang immer weniger überschaubar und handhabbar. Sie bedeuten häufig vor allem mehr Planungsaufwand, höhere Kosten und weniger Spielraum für technische Innovationen.
Dass es anders geht, zeigt ausgerechnet ein Projekt außerhalb des DIN. Mit dem EasyCode 3 für den Konstruktiven Stahlbau wurde auf Eigeninitiative von Prüfingenieuren und der Ingenieurkammer in Nordrhein-Westfalen ein über 1.300 Seiten umfassendes Regelwerk des Eurocode 3 auf 156 Seiten reduziert - und bietet eine praxistaugliche Alternative für die meisten Standardfälle.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche Norm als Nächstes überarbeitet und eingeführt wird. Sie lautet: Wer soll künftig die Regeln des Bauens schreiben und welche Leistungsklassen sollen sie enthalten? Solange diejenigen, die mit Normen Geld verdienen oder wirtschaftliche Interessen verfolgen, die Normung maßgeblich prägen, wird der Umfang der Regelwerke kaum kleiner werden. Die Bundesingenieurkammer fordert deshalb zu Recht eine grundlegende Neuordnung - hin zu einer Normsetzung, die stärker von unabhängigen Planerinnen und Planern getragen wird und sich am Gemeinwohl statt an Partikularinteressen orientiert.
Wer das Bauen wirklich einfacher, schneller und kostengünstiger machen will, darf nicht nur über ein Zuviel an Normen sprechen. Der muss sich die Frage stellen, welche Inhalte notwendig sind, um sicher und nachhaltig planen und bauen zu können und wo allein das Wissen gut ausgebildeter Praktiker reicht. Und er muss den Mut haben darüber zu sprechen, wer Normen schreibt - und in wessen Interesse.
Quelle: Bundesingenieurkammer (BIngK), Foto: BIngK (eigene Bearbeitung)
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